Nimzowitsch, A - Capablanca, J [C48]
St. Petersburg, 1914
[Hug,Marcel]
Es lohnt sich, diese Capablanca Partie ins eigene Repertoire aufzunehmen, und immer wieder durchzuspielen. Sie ist ein Klassiker und wird oft herangezogen, um Capablancas phänomenales Positionsverständnis zu illustieren. Weitere (englische) Kommentare zur Partie finden sich auch unter www.chessgames.com/perl/chessgame?gid=1102386  ».
1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Sc3 Sf6 4.Lb5 d6 Die Steinitz Verteidigung der Spanischen Eröffnung wird heute kaum mehr gespielt, da etwas passiv. 5.d4 Ld7 6.Lxc6 Lxc6 7.Dd3 deckt e4 und erneuert die Drohung, auf e5 zu schlagen. [ 7.dxe5 dxe5 8.Sxe5 Dxd1+ 9.Kxd1 Sxe4 10.Sxe4 Lxe4 11.Te1 0-0-0+ bringt Weiss nichts ein, d.h., der Bauer e5 ist indirekt gedeckt wegen dem Angriff auf Bauer e4.] 7...exd4 8.Sxd4 g6 Dieser Zug (Fianchetto Idee) war zu seiner Zeit neu. 9.Sxc6 [ besser ist 9.Lg5! Lg7 10.0-0-0 Dd7 ( 10...h6?! 11.Lh4 0-0 12.f4 Te8? 13.Sxc6 bxc6 14.e5 dxe5 15.Dxd8 Taxd8 16.Txd8 Txd8 17.fxe5+- ; 10...0-0?? 11.Sxc6 bxc6 12.e5 dxe5 13.Df3 De7 14.Se4+- ) 11.h3 0-0 ( 11...0-0-0? 12.Sxc6 Dxc6 13.Df3+- ) 12.The1 Tfe8 ( 12...h6 13.Sxc6 bxc6 14.Lxf6 Lxf6 15.e5 Lg5+ 16.Kb1 ) 13.Df3! Sh5 14.g4 Lxd4 15.Txd4 Sg7 16.Lf6+/- (Aljechin;1927)] 9...bxc6 10.Da6 Weiss hat eine Bauernschwäche im gegnerischen Lager erspäht und macht sich sogleich auf, sie zu erobern. Hier streiten sich die Kommentatoren, ob Capablanca den Bauernraub einfach übersehen hat oder nicht. Auf jeden Fall findet er ein probates Gegenmittel: Da er c6 und a7 nicht gut gleichzeitig decken kann, opfert er einen Bauern einfach für ein paar Entwicklungstempi! 10...Dd7! 11.Db7 Tc8 12.Dxa7 Lg7 13.0-0 0-0 Weiss hat sein Ziel erreicht, ist aber in der Entwicklung zurückgeblieben. Wie kann Schwarz seinen Entwicklungsvorsprung ausnutzen (der Computer meint, dass hier Weiss klar besser steht). 14.Da6 etwas besser sind sofort f3 oder De3. 14...Tfe8 15.Dd3? Dieser Zug wird von den Kommentatoren kritisiert, da nun De6 erst möglich wird. Hätte Weiss sofort f3 gezogen, hätte Schwarz den c6 weiterhin decken müssen.
Merke:
Hat man die Wahl zwischen dem "sowieso" Zug und einem anderen, so macht man oft erst den "sowieso" Zug (hier f3).
Wenn man Entwicklungsrückstand hat sollte man die eigenen Drohungen möglichst lange am Leben erhalten.
15...De6 16.f3 [ 16.Te1 ermöglicht 16...Sd5 17.f3 Sxc3 18.bxc3 Ta8 19.a3 De5 20.Lb2 Teb8 21.Teb1 Tb6=/+ und die weissen Figuren sind paralysiert, da an Deckungsaufgaben gebunden.] 16...Sd7! Schwarz überführt seinen Springer zum Damenflügel, wo er im Zusammenspiel mit den Türmen auf den halboffenen a-und b-Linien wirken soll. Ausserdem öffnet der Zug die Diagonale des Läufers, welcher gegen c3 und b2 drückt. Es ergeben sich sehr ähnliche Motive wie im Wolga/Benkö Gambit. 1914 war diese Idee neu. 17.Ld2? Ein Fehler, doch Weiss hat schon Schwierigkeiten, gute Züge zu finden. [ 17.b3!? wäre ein Versuch wert gewesen. 17...Sc5 18.Dd2 d5 ( 18...f5 19.exf5 Dxf5 20.Lb2 Se6 21.Tfe1 Sd4 22.Te4 Txe4 23.fxe4 Dc5 24.Kh1 Tf8= ) 19.Lb2 dxe4 20.De3 Tcd8=/+ 21.Sa4 Sxa4 22.Lxg7 Kxg7 23.bxa4 Ta8 ]
Merke:
In bedrängten Positionen reicht es oft nicht mehr, "normale" Züge zu spielen, sondern man muss selber kreativ werden.
17...Se5 18.De2 Sc4 dank der starken Springer - Läuferkombination hat Schwarz schon mindestens ausgeglichen. 19.Tab1 Ta8 20.a4 Weiss möchte sich mit b3 befreien, doch 20...Sxd2! 21.Dxd2 Dc4! hier steht die Dame sehr stark, da das geplante b2-b3 nun nicht funktioniert und die Dame alle Felder vor dem gegnerischen "Bauernloch" b3/b5;d3/d5 deckt.
Merke:
Figuren direkt vor den gegnerischen Figuren oder Bauern (17.Se5!) stehen oft besonders aktiv.
22.Tfd1 Teb8 Nun stehen alle schwarzen Figuren maximal wirksam, ausserdem ist der schwarze König sehr sicher, weil der Lg7 keinen Gegenspieler auf den schwarzen Feldern findet. Und welche Figur kann Weiss hier noch ziehen? 23.De3 Tb4 droht Ld4 mit Qualitätsgewinn. 24.Dg5? Die Dame allein auf weiter Flur kann nichts ausrichten. Allerdings steht Weiss schon sehr schwierig, trotz Mehrbauer. [ 24.Dd3 Dc5+ 25.Kh1 Tab8 26.Se2 Txb2 27.Txb2 Txb2 löst die weissen Probleme nicht.] 24...Ld4+ 25.Kh1 Tab8 droht mit Lxc3 eine Figur zu gewinnen. 26.Txd4 [ der Trick 26.Sb5!? cxb5 27.c3 Lxc3 28.bxc3 Txa4 29.Td4 Da2 30.Tdd1 hilft auch nicht viel weiter. ] 26...Dxd4 27.Td1 Dc4-+ Schwarz steht auf Gewinn und muss nur noch ein paar verzweifelte gegnerische Angriffsversuche abwehren. 28.h4? eher ein Verteidigungs- als ein Angriffszug, denn die weisse Grundreihe war auch schwach. [ besser 28.h3 ]
Merke:
Die Partei, die lange nur verteidigt hat, kann nicht urplötzlich zu einem Gegenangriff ausholen, denn dafür fehlen die an die Verteidigung gebundenen Mittel. Aus diesem Grund gehört zu einer guten Verteidigung immer auch eine Art Gegenspiel.
28...Txb2 und Nimzowitsch machte in verlorener Stellung noch ein paar Züge 29.Dd2 Dc5 30.Te1 Dh5 31.Ta1 Dxh4+ 32.Kg1 Dh5 33.a5 Ta8 34.a6 Dc5+ 35.Kh1 Dc4 36.a7 Dc5 37.e5 Dxe5 38.Ta4 Dh5+ 39.Kg1 Dc5+ 40.Kh2 d5 41.Th4 Txa7 42.Sd1 und Weiss gab gleichzeitig auf!
0-1
Zusammenfassung
Wegen Bauernraub in der Eröffnung ist Weiss in der Entwicklung zurückgeblieben.
Schwarz hat seine Figuren auf die besten Felder gestellt, während Weiss die Initiative verloren hat, d.h., er musste v.a. gegnerische Drohungen abwehren.
Der schwarze Druck wurde zu stark und Weiss hatte Mühe die besten Verteidigungszüge zu finden (Verteidigen ist of schwieriger als Angreifen).
Am Ende ist die weisse Stellung zusammengebrochen. Die schwarze Initiative blieb wegen der guten Figurenkoordination auch nach Rückgewinn des Bauern bestehen!