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Stellungsbewertung und Erwartung
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Unter Stellungsbewertung ist die objektive Stellungseinschätzung anhand positioneller Faktoren zu verstehen, während die
Stellungserwartung mehr den subjektiven Aspekt betont (habe ich Angst vor der Stellung oder träume ich vom Gewinn, etc.).
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[ Stellungsbewertung]
[ Mentale Faktoren]
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Stellungsbewertung
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Manche Züge müssen für sich selbst beurteilt werden, da sie schwierig zu berechnen sind oder sich keine Variantenbäume aus
ihnen ergeben. Dies ist v. a. in statischen Stellungen der Fall. In taktischen Positionen ist entscheidend, wie genau die
Rechenarbeit ist und ob man den Worst Case korrekt gesehen hat.
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Beispielpartie »Polgar - Anand, Wijk aan Zee 1998
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Normalerweise wird eine Position nach dem letzten berechneten Zug beurteilt. Stellungsbewertung ist aber schon viel früher
möglich, etwa bei der Auswahl der Kandidatenzüge. V. a. dank Kenntnis der Bauernstrukturen kann man Analysen stark abkürzen:
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Beispielpartie »Gleizerov - Gerber, Genf 2004
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Beispielpartie »Bologan - Ye Jingchuan, Peking 2000
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Oft hat ein Zug nicht nur Vor- sondern auch Nachteile. Hier müssen Plus und Minus gegeneinander abgewogen werden.
Sicher einer der schwierigsten Aspekte der Positionsbeurteilung:
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Beispielpartie »Tiviakov_- Berkes, Plovdiv 2003
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Beispielpartie »Dreev - Sokolov, Sarajevo 2002
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Es gibt auch Stellungen die praktisch nicht zu bewerten sind, weil zu viele unterschiedliche Faktoren existieren, die es gegeneinander
abzuwägen gilt. Wenn dieser Fall auftritt, sollte man die Züge einzeln und aufgrund ihrer positiven und negativen Eigenschaften beurteilen
und nicht tief rechnen. Die dafür notwendigen Zugkriterien haben wir in Kapitel 2 erklärt.
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Beispielpartie »Gligoric - Portisch, San Antonio 1972
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Wenn ein Zug mehrere Kriterien gleichzeitig erfüllt, dann sollten wir ihn mit Priorität spielen. Doch auch hier muss genau evaluiert werden,
denn selbst bei einem Multifunktionszug ist ein etwaiger Nachteil entscheidend für die Beurteilung:
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Beispielpartie »Roiz - Godena, Aosta 2004
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Mentale Faktoren
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Folgende Partie ist ein gutes Beispiel für einen Mangel an Objektivität ("Overestimation") in einer Stellung. Jungen Spielern fehlt oft das Streben
nach Objektivität, ihre Züge "basieren auf Wunschdenken".
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Beispielpartie »Nimzowitsch - Tarrasch, Breslau 1925
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Das Gegenteil der Unterschätzung gegnerischer Möglichkeiten ist die Unterschätzung der eigenen Kräfte ("Underestimation"). Oder umgekehrt die
überschätzung der gegnerischen Stärke. Der Grund liegt nach Soltis an einem Zuviel an Erfahrung - man denkt dass der Gegner alles kennt, was man auch
weiss. Als Beispiel für einen übervorsichtigen Spieler nennt Soltis Efim Geller, welcher in fortgeschrittenem Alter auch "aus Denkfaulheit" immer Kh1 gespielt haben soll.
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Beispielpartie »Kasparov - Kramnik, Linares 2000
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Wenn ich denke dass ich gut stehe, so werde ich möglicherweise einen aggressiveren Zug spielen als wenn ich eine kleinere Erwartungshaltung habe.
Die Erwartungshaltung bietet auch eine Abkürzung bei der Bewertung von Kandidaten - bei einer hohen Erwartungshaltung werde ich einen unbefriedigenden
Kandidaten schneller verwerfen. Wenn meine intuitiven Züge und alle Kandidaten meine Erwartungshaltung nicht befriedigen, so ist dies der Anlass dafür,
nach mehr Kandidaten Ausschau zu halten.
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Beispielpartie »Marin - Nevednichy, Romania 2000
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Beispielpartie »Vescovi - Miton, Moskau 2004
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Beispielpartie »Anand - Kasparov, PCA WC, 1995
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Eine Erwartung kann wie gesehen falsch sein. Folgende drei Fehler sind basal und jeder hat sie sicher schon selbst erlebt:
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Die Erwartung stellt sich als falsch heraus, und man muss es (psychologisch) schaffen, sich mit weniger zufrieden zu geben (Moment der
Enttäuschung muss überwunden werden).
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Beispielpartie »Christiansen - Seirawan, US Championship 1997
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Die Erwartung sagt einem, dass es einen guten Zug geben muss, aber dieser existiert nicht. Man verliert sehr viel Zeit mit unnützer Suche.
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Beispielpartie »Kramnik - Hübner, Dortmund 2000
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Merke: Wenn man sich beim Analysieren der Kandidaten im Kreise zu drehen beginnt und die Züge die Erwartungen einfach nicht zu erfüllen scheinen,
dann spielt man am Besten einfach einen soliden Zug. Dass man dadurch den "analytisch möglichen Gewinn" verpasst, muss man dabei allerdings
in Kauf nehmen.
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Man unterschätzt die eigene Stellung und verpasst einen guten Zug, weil man nicht erwartet hat, dass dieser existiert.
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Beispielpartie »Dolmatov - Mamedyarov, Moskau 2002
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Wie man sieht sind Stellungsbewertung und Erwartung sehr nützliche Hilfsmittel bei der Bestimmung der Kandidatenzüge. Doch wie das
letzte Partiebeispiel zeigt, werden dennoch beide von der Taktik übertrumpft.
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[Kapitel 2]
[Kapitel 3]
[Kapitel 4]
[Kapitel 5]
[Kapitel 6]
[Kapitel 7]
[Kapitel 11]
[Zusammenfassung]
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